Ein klassisches Dilemma bei der Vernetzung von Industrie und Wissenschaft: Das Problem hängt in der Produktionslinie, die Expert:innen sitzen an den Hochschulen, und dazwischen steht das „Ich weiß nicht, an wen ich mich wenden soll“.
I. Zwei Wege, wie die Vernetzung scheitert
Ein Technologieverantwortlicher eines Fertigungsunternehmens erzählte mir von ihren Erfahrungen: In der Produktionslinie gab es ein verfahrenstechnisches Problem, an dem intern ein halbes Jahr gearbeitet wurde, ohne es zu lösen. Schließlich beschlossen sie, die Zusammenarbeit mit Fachleuten an Hochschulen zu suchen.
Beim ersten Versuch vermittelte ein Branchenfreund einen Professor – erst nach einer halben Stunde Gespräch stellte sich heraus, dass seine Forschungsrichtung ihr Problem nur am Rand berührte; beide Seiten waren peinlich berührt. Beim zweiten Versuch suchten sie auf akademischen Websites eine Reihe von Namen und wählten jemanden mit dem „klangvollsten Titel“. Doch diese Person betrieb seit Langem nur Grundlagenforschung, hatte nie mit der Industrie zusammengearbeitet und besaß weder Bereitschaft noch Erfahrung für eine Vernetzung.
Beide Fehlschläge führen auf dasselbe Problem zurück: Vor dem ersten Kontakt wusste das Unternehmen über die infrage kommenden Expert:innen so gut wie nichts.
II. Erst filtern, dann ansprechen
Später änderten sie ihre Vorgehensweise: Zuerst filterten sie die Personen in den Talentprofilen von MuchSci heraus, dann gingen sie mit den Unterlagen vorstellig.
Schritt eins: das Problem in eine „Suchsprache“ übersetzen. Zuerst zerlegten sie das verfahrenstechnische Problem in Forschungsbereiche und zentrale technische Punkte und verwandelten es in Schlüsselwörter, die in der Profilbibliothek durchsuchbar sind.
Schritt zwei: Expert:innenprofile nach Forschungsbereich durchsuchen. In der Bibliothek befinden sich öffentliche Profile von Akademiemitgliedern, Jieqing-Forschenden und anderen, die bereits erfasst sind. Zuerst verschafft man sich mit der Größenstatistik der Profilbibliothek einen Überblick darüber, wie groß der „Pool“ in diesem Bereich ist, danach ruft man die öffentlichen Lebensläufe der Kandidat:innen einzeln ab.
Schritt drei: zwei Filter durchlaufen. Dies ist der Schritt, der im gesamten Ablauf am meisten Können verlangt:
· Erster Filter: Die Forschungsrichtung passt. Man prüft die Schlüsselwörter und Disziplinen in den Projektdetails – ob seine Projekte das technische Problem des Unternehmens tatsächlich abdecken und nicht nur im Titel „so aussehen“.
· Zweiter Filter: Es gibt Spuren von Industrie-Hochschul-Kooperation. Man prüft Projekttyp und durchführende Einrichtung – ob Projekte gemeinsam mit Unternehmen oder regionalen Partnern durchgeführt wurden und ob die Person gemessen an Jahren und Fördermitteln in jüngster Zeit noch aktiv ist. Was herausgefiltert wird, sind Expert:innen, die „sowohl die Technik als auch die industrielle Zusammenarbeit verstehen“.
Die Grundlage dieser Einschätzungen sind ausschließlich harte Datenfelder: Die Projektdetails durchlaufen eine „exakte Übereinstimmung des Namens der Projektleitung + Verifizierung der öffentlich angegebenen Einrichtung“. Was die Verifizierung nicht besteht, wird als „zu prüfen“ markiert; nicht erfasste Informationen werden direkt mit „im aktuellen Profil nicht angegeben“ ausgewiesen. Lieber leer lassen, als mit Eindrücken zu ergänzen.
Schritt vier: Analyse der Kooperationsgrundlage. Für die in die engere Auswahl gekommenen Expert:innen wird zuerst geprüft, ob es öffentliche Hinweise auf eine Zusammenarbeit beider Seiten gibt – vier klare Stufen: verifizierte direkte Zusammenarbeit, öffentliche Beziehung vorhanden, aber Zusammenarbeit nicht belegt, keine direkten Belege gefunden, nicht beurteilbar. Danach wird die Passung anhand von vier Dimensionen bewertet: Forschungsrichtung, Komplementarität der Ergebnisse, Projektverlauf und Überschneidungen im Netzwerk. Ein Detail ist erwähnenswert: Das Tool weist ausdrücklich darauf hin, dass „der Score für die Kooperationsgrundlage keine Erfolgswahrscheinlichkeit einer Kooperation ist“; er liefert eine Referenz für die Passung, keine Garantie.
III. Mit vier Unterlagen am Verhandlungstisch
Nach Abschluss der Auswahl sind die Unterlagen in den Händen des Unternehmens ganz anders als noch zwei Monate zuvor:
öffentlicher Lebenslauf und Acht-Dimensionen-Bewertung der Expert:innen, verifizierte Projektdetails, ein Kooperationsnetzwerk mit Evidenzkette sowie eine Analyse der Kooperationsgrundlage beider Seiten. Mit all dem wird aus dem Einstieg „Wir sind wegen Ihres Rufs gekommen“ ein „Wir haben in öffentlichen Daten gesehen, dass das Projekt XY, das Sie in den letzten drei Jahren durchgeführt haben, genau zu unserem Problem passt“ – jeder Satz hat eine Quelle, und die Expert:innen können sofort einschätzen, ob sich ein Gespräch lohnt.
Natürlich ist die Grenze des Tools ebenso klar: Es erstellt keine Empfehlungsliste darüber, „wen man ansprechen und wen man ausschließen sollte“; die Unterlagen sind ein Ausgangspunkt, kein Versprechen, und ob man sich einig wird, hängt weiterhin davon ab, dass beide Seiten sich zusammensetzen und sprechen.